Schutzumschlag

Fieberromane verschlingen
autobiografische
Karrieren Lebenswege
more fiction than fact
die unwiderrufliche Abwesenheit
des Dargestellten, der Körper
frische Fassaden.

entkernt verstört
aufgelöst im
fernen Sein
kein Anzug passt zur Haut
nur Du, Lebenskostüm
Schreibekunst.

Hirnschauerlektüren
Handlungsanweisungen
Verhaltensanleitungen
rhetorische Rezepturen
scala paradisi
Rutschbahn verweht
few happy few.

Springlebendiges nicht
nur tropfender Wasserhahn
Stimmung N: Zerbrochenes Glas.

ein fremdes Rückgrat
trägt dein Fleisch nicht:
Häutungen.

Will ich einen Kreis soll
er nicht auch rund sein?

Waldfiction

Gesang der Waldgöttin
Gesang ohne Verben
Kathedrale aus Nadeln
kein „Übermaß von Himmel“ RMRilke
Wirbel aufgleitender Greifvögel

träumender Wald – Durchstreichung –
Nervenverästelung oberer Ereignisbaum
Wunder der Steinkrönung unter Nassvorhang
Rauheit – hier Doppelbelichtung –
Schattenflug Engführung Vertikalversatz
Horizont mit Ifenklinge

Nassstufen Gegend Bodennebel
Reifenknistern Geplapper der Hüpfvögel
Trittsiegel im Ziehweg
Wasserflüstern – Durchstreichung –
wetteifernder Motorsägen Nachdenklichkeit

auch auf dem Rückweg Wiederholung
ein Wald, der Fiction liebt, Wald zu sein
ganz und gar eifrig – verausgabt sich –
träum doch

Zeremonie für ein Double – Das dritte Auge – Gustav Kluge, Kathrin Haaßengier

Zeremonie für ein Double – Das dritte Auge © Gustav Kluge, Martin Kreyssig 2010

Videodokumentation (Länge 17:55 Min) einer Performance von Gustav Kluge und Kathrin Haaßengier in der Galerie Frisch, Berlin am 30. April 2010 anlässlich einer Ausstellung von Gustav Kluge.

»Ein Telefonat eröffnet am 30. April 2010 gegen 19.30 Uhr die Ausstellung von Gustav Kluge und Kathrin Haaßengier bei FRISCH in der Halle am Wasser hinter dem Hamburger Bahnhof. Der Einlass beginnt ab 18 Uhr. Gesprächspartnerin am Telefon ist die Hamburger Transsexuelle Christine W.. Danach geht die Handlung der „Zeremonie für ein Double“ über in die Bergung Siamesischer Zwillinge aus dem Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal sowie ihrer Operation.

„Das Leben von Christine W. ist eine Extrembiografie“, so Gustav Kluge, neun Jahre hat er mit dem Aktmodell zusammen gearbeitet. „Aus der Sicht des Malers besitzt sie einen archetypischen androgynen Körper. Diesen hat sie nach ihrem Ideal umgeformt. Das führte zu einem Leidensweg, der sie in der neuen Welt nicht ankommen ließ. So reagiert sie auf viele und vieles mit Aggression.“ Im September 2009 wurde Christine W. wegen Körperverletzung zu drei Jahren Haft und Unterbringung in der Psychiatrie verurteilt. Gustav Kluge hat diese Selbstschöpfung und Aggression der Christine W. in fünf der sechs in der Ausstellung befindlichen szenischen Bilder ausgelotet und umgesetzt.

Der Operationssaal, von Kathrin Haaßengier entworfen, zwingt die Zeremonie in eine klaustrophobische Enge. Nur ein Kabel transportiert Videobilder nach außen. Solche Lebensadern wiederholen sich in den drei weiteren kinetisch-akustischen Skulpturen der Bildhauerin. Sie bestehen aus blickdichten Körpern, gläsernen Milchabscheidern und verworrenen miteinander verschlungenen Schläuchen. Strömende Flüssigkeiten transportieren ihren Rhythmus.«

(Quelle: Galerie Fritsch)

Zeremonie für ein Double – Das dritte Auge, Screenshot © Gustav Kluge, Martin Kreyssig 2010
Zeremonie für ein Double – Das dritte Auge, Screenshot © Gustav Kluge, Martin Kreyssig 2010
Zeremonie für ein Double – Das dritte Auge, Screenshot © Gustav Kluge, Martin Kreyssig 2010
Zeremonie für ein Double – Das dritte Auge, Screenshot © Gustav Kluge, Martin Kreyssig 2010
Zeremonie für ein Double – Das dritte Auge, Screenshot © Gustav Kluge, Martin Kreyssig 2010

Morgige Erinnerungen

Lala Friedfertig
Haltestelle Schwellenreich, zuvor:
fließt auf rostigem Samt
Traum gespitzter Mund
Hände Lippen dunkelrot, zuvor:
nässende Zeitenwunde
Engels am Kranhaken
Hauptstadt’s Strömung
geschnittenen Steins, zuvor:
einatmen Gestank
ausatmen Gestank plusplus,
im Brückenschatten
eine wartende Zukunft